Amadeus: Schnitzel-Sinfonie

von Roberta Fischli

 

Der Name ist so plump, er ist schon fast wieder gut: Amadeus. Schwarzenegger wäre ehrlicher gewesen. Und hätte weniger angestrengt kultiviert geklungen. Sie hätten das Lokal auch nach Bruckner, Haydn, Mahler, Schubert oder Strauss benennen können. Dann wäre es wenigstens nicht der offensichtliche Österreicher gewesen. Aber sie wählten Mozart, den Komponisten aller Komponisten. Für ein Schnitzel-Restaurant.

Wir sind in Schlieren, dem Ort, den wir nur von der Kinderkassette kennen. Das Amadeus scheint ein Restaurant zu sein, dessen Menükarte sich seit Jahren nicht geändert hat und wahrscheinlich auch nicht ändern wird, bevor der Wirt in Pension geht. Die Einrichtung hat diese provinzielle Aromat-Ästhetik, die in szenigen Kreisen gerade als hip gilt. Doch deswegen sind wir nicht hier. Wir sind im Amadeus, weil es hier das beste Schnitzel im Grossraum Zürich geben soll. Und weil wir seit dem Kälteeinbruch wieder mehr Lust auf paniertes Fleisch haben. Auf der Karte lächelt uns Mozart entgegen.

Österreich entgeht die kulinarische Anerkennung, die es verdient hätte – angefangen beim Schnitzel. Bis vor kurzem hielt selbst das wienerische Tourismusbüro das Wiener Schnitzel fälschlicherweise für das eingedeutschte costoletta alla milanese, importiert von Feldmarschall Radetzky – der mit dem Marsch (Tadada-Tadada-Tadada-Ta-Ta). Und das ist bloss das Mittagsmenü. Cappuccino mag italienisch und Croissant französisch klingen, aber beides sind österreichische Spezialitäten aus der gleichen Zeit – das Gipfeli als symbolisches Gebäck für den Sieg gegen den Islam, der Kaffee mit Milchschaum benannt nach Kapuziner-Mönchen. Die Wiener mögen sich mit klassischer Musik und Habsburger Macht brüsten, aber ihr Einfluss auf unsere Mägen ist deutlich grösser als auf unsere Ohren.

Wir driften jedenfalls bereits bei der Vorspeise in Richtung Food-Koma: Der Salat wird in einer lampenschirm-grossen Schüssel serviert. Die wahre Schlieremer Attraktion kommt als Nächstes, und dafür würden wir jederzeit wieder in die Vorstadt fahren: Vier goldbraune Tintenflecken so gross wie Bärenpranken, begleitet von Pommes Frites und Kartoffeln. Das Tischgespräch verstummt sofort. Der nächste Satz, der von unserem Tisch kommt, ist «Wir nehmen die Götterspeise zum Dessert».

Schlieren wird nie ein Opernhaus bekommen. Muss es auch nicht; der Name «Amadeus» steht hier für etwas anderes.

– yh.

RESTAURANT AMADEUS, Bahnhofstrasse 6, 8952 Schlieren

Mo bis Fr 11.00 – 23.00, Sa 17.00 – 23.00

 

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