Café Odeon: Club der toten Dichter

von Roberta Fischli

Sie haben das Odeon-Gästebuch versteigert. Für 42’000 Franken. Wir lasen durch die Einträge, und der einzig bleibende Gedanke war: Das war’s. Das «Grand» vor dem Café ist schon länger gestrichen, aber der Verkauf des Gästebuchs markiert den Schlussstrich für das Café Odeon. Die Zeiten, in denen die Liga von James Joyce, Lenin oder Dürrenmatt am Bellevue verkehrte, sind vorbei.

Übrig bleiben ein auf einen Drittel seiner ursprünglichen Grösse kastriertes Jugendstil-Lokal und letzte Atemzüge von Nostalgie – zerknitterte und sepia-gefärbte Erinnerungen und die Überzeugung, dass früher alles besser war. Kein neuer Schriftsteller wird besser schreiben als Zweig, Frisch oder Loetscher, kein Künstler talentierter sein als Arp, keiner klüger als Einstein, wir werden nie wieder ein Kaliber wie Lenin, Trotzki oder Mussolini in Zürich haben. Und schon gar nicht im gleichen Café.

Es ist bezeichnend, dass die meisten Tische von Gästen im Pensionsalter besetzt werden: Nostalgie ist der Sakko der Alten. Sie passt jenen, die lieber auf das Geschehene zurückblicken, statt sich auf das Kommende zu freuen. Wir hingegen mussten die Liste der prominenten Gäste im Internet nachschlagen – fast alle, die uns die Namen aus erster Hand hätten nennen können, sind schon lange tot. Der hohe Raum, die Kronleuchter und der Marmor sind mittlerweile die einzigen Indizien dafür, dass hier mal mehr war als schlechter Kaffee, Radio Swiss Pop und rote Schürzen. Abgesehen von Touristen und Senioren scheinen wir die Einzigen zu sein, denen das als Verkaufsargument ausreicht.

Es war nicht immer so. Das Odeon war das erste Zürcher Kaffeehaus nach Wiener Vorbild, ein Treffpunkt für Denker und Künstler in einer Konjunktur, in der sich Alberto Giacometti im Stock darüber ein Atelier leisten konnte. Das Odeon hat das Cüpli nach Zürich gebracht. Den Homosexuellen ein Zuhause gegeben. Der Drogenszene die Tür geöffnet. Heute, hundert Jahre nach seiner Blütezeit, hat die einst progressive Institution nur noch seine Geschichte. Wer die nächste Revolution plant, sitzt nicht an den Tresen am Bellevue.

Dabei wären die Pioniergene vorhanden: Die heutige Chefin ist die Enkelin des legendären Fred Tschanz. Und sie ist mit 32 Jahren zu jung, um nur nach hinten zu schauen. Wir wünschen uns, sie nähme den Geist ihres Grossvaters auf, ersetze die Kaffeebohnen und wechsle den Radiosender. Die Marmortische dürfen bleiben.

CAFÉ ODEON, Limmatquai 2, 8001 Zürich

Mo bis Do 7 – 24, Fr 7 – 2, Sa 9 –2, So 9 – 24 

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