Heroin per Mausklick

von Roberta Fischli

Der Amerikaner Ross Ulbricht hat mit «Silk Road» einen virtuellen Marktplatz für Drogen geschaffen und damit Millionen verdient. Es dauerte Monate, bis ihm die Behörden auf die Schliche kamen.

Am 1. Oktober 2013 sitzt ein junger Mann in einer Bibliothek in San Francisco. Plötzlich wird ihm der Laptop unter den Fingern weggerissen. Ross Ulbricht, 29 Jahre alt, bleich und schmächtig, wird verhaftet. Er wird verdächtigt, der Gründer von «Silk Road» zu sein, dem wichtigsten Online-Drogenmarkt seiner Zeit. Zugang zur Website bekommt man nur über einen Verschlüsselungsdienst, der die Anonymität der Besucher gewährleistet. Bezahlt wird mit Bitcoins, einer digitalen Währung, die weder reguliert ist noch zurückverfolgt werden kann. Anbieter präsentieren ihre Ware auf Fotos, die Nutzer können die Produkte bewerten. Auf den ersten Blick erinnert das übersichtliche Layout an digitale Marktplätze wie Amazon oder Ebay. Doch auf «Silk Road» werden hauptsächlich Kokain, Heroin und LSD verkauft.

Vorbild aus dem Fantasy-Film

Die Website steht für einen Trend im internationalen Drogenhandel. 320 Milliarden Dollar werden weltweit jährlich mit Drogen umgesetzt, ein immer grösserer Teil davon im Internet. Verlässliche Zahlen gibt es wenige. Ein Bericht der Abteilung für Drogen und Kriminalität der Uno aus dem Jahr 2014 bezeichnet das Aufkommen von virtuellen Drogenmärkten als beunruhigende Entwicklung. Namentlich nennt der Bericht nur eine Seite: «Silk Road».

Der Prozess gegen deren Gründer, der Ende Januar dieses Jahres stattgefunden hat, ist deshalb nicht nur in seiner Grösse und Bedeutung beispiellos. Experten schätzen, dass die Website während ihrer zweieinhalbjährigen Lebensdauer rund 1,2 Milliarden Dollar umsetzte. Der Fall «Silk Road» ist auch symptomatisch für den Kampf der Behörden gegen den weltweiten Drogenhandel. Dieser verlagert sich zunehmend von der Strasse ins Internet. Digitale Zahlungsmittel wie Bitcoin, die nicht zurückverfolgt werden können, anonymisierte Geschäftsabwicklungen und die Frage nach der Authentizität von digitalen Beweisstücken stellen die Strafverfolger vor neue Herausforderungen.

Ross Ulbricht gründet die Website «Silk Road» im Januar 2011. Er gibt sich das Pseudonym «Dread Pirate Roberts», nach dem maskierten Helden aus einem Fantasy-Film von 1987. Er achtet penibel auf seine Anonymität und schafft so einen Mythos um seine Identität. «Silk Road» wird zum Pionierprojekt, zur ersten digitalen Drogenbörse dieser Grösse. Als die vielbeachtete Website Gawker im Juni 2011 einen Artikel über das Portal publiziert, explodiert die Zahl von neuen Nutzern. «Silk Road», das bald «Ebay für Drogen» genannt wird, rückt in den Fokus der breiteren Gesellschaftsschicht – und in denjenigen der amerikanischen Behörden.

Der kriminelle Pfadfinder

Ab diesem Zeitpunkt arbeiten verschiedene Akteure, darunter das FBI und die Drogenvollzugsbehörde, an einer verdeckten Ermittlung um den führenden Kopf hinter der Website. Die anonymisierte Struktur zwingt die Polizei zu investigativen Methoden: Die Ermittler beginnen, sich als Nutzer auf der Plattform auszugeben, und versuchen, ein Vertrauensverhältnis zu «Dread Pirate Roberts» aufzubauen. Dieser agiert jedoch sehr vorsichtig. Es dauert Monate, bis sich ein verdeckter Ermittler bis zum Administrator hocharbeitet.

Wer ist der Mann, der schliesslich nach einem dreizehntägigen Prozess im Februar unter anderem wegen Rauschgifthandels, Geldwäsche und Bildung einer kriminellen Vereinigung verurteilt wurde? Ross Ulbricht wächst in der texanischen Hauptstadt Austin auf und ist als Kind Mitglied bei den Pfadfindern. Sein Umfeld beschreibt ihn als warmherzig und zuverlässig. Er studiert Physik und Ingenieurwissenschaften. Nach Gehversuchen als Unternehmer gründet Ulbricht den virtuellen Marktplatz «Silk Road». Er legt ihn im «Dark Net» an, einem Teil des Internets, der nicht von Suchmaschinen registriert wird und den man nur mit spezieller Software nutzen kann. Ulbricht, der sich als Anhänger des liberalen Denkers Ludwig von Mises bezeichnet, will einen Ort schaffen, an dem sich die Nutzer frei von jeglicher staatlicher Kontrolle bewegen. Das schreibt er im Tagebuch, das die Polizei bei seiner Verhaftung findet. Daraus wird auch ersichtlich, wie er den Handel mit Drogen rechtfertigt: Deren Konsum fällt für Ulbricht in die Verantwortung des Einzelnen. Waffen, gestohlene Ausweise oder Kinderpornografie wollte er auf der Plattform nicht anbieten, weil damit seiner Ansicht nach Dritten geschadet werden könnte.

Kurz nach der Gründung des Portals wirbt Ulbricht in Bitcoin-Foren für seine Idee. Auf einer Website vermerkt er eine E-Mail-Adresse, die auf seinen reellen Namen lautet – ein leichtsinniger Fehler, der ihn erstmals mit «Silk Road» in Verbindung bringt. Ein weiterer – der verhängnisvollste – ist wohl, dass er an jenem Tag im Oktober 2013 eine ungesicherte Internetverbindung nutzt. Bis dahin ist es den Strafverfolgern zwar bereits mehrmals gelungen, den Laptop von «Dread Pirate Roberts» zu lokalisieren. Es fehlen aber die Beweise dafür, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt. An diesem Tag orten sie den Computer in der Science-Fiction-Abteilung einer Bibliothek in San Francisco. Hinter dem Bildschirm sitzt Ross Ulbricht. Er ist es auch, der in den Administratorbereich der Website eingeloggt ist. Neben belastenden Protokollen und dem Tagebuch finden die Behörden Bitcoins im Wert von mehreren Millionen Dollar auf der Festplatte.

Urteil mit Signalwirkung

Dass Ulbricht «Silk Road» konzipierte und als «Dread Pirate Roberts» agierte, gilt mittlerweile als unbestritten. Seine Verteidigung sagte während des Prozesses, Ulbricht habe die Website als wirtschaftliches Experiment betrachtet und zum Zeitpunkt seiner Verhaftung nichts mehr mit ihrer Bewirtschaftung zu tun gehabt. Wann und an wen Ulbricht sie abgetreten haben soll, ist nicht klar. Die Beweislast gegen Ulbricht ist erdrückend. Er wurde nach einem dreizehntägigen Prozess am 4. Februar 2015 in allen sieben Anklagepunkten schuldig gesprochen. Die Verkündigung des Strafmasses wird für diesen Freitag erwartet, ihm droht eine lebenslange Haftstrafe. Der amerikanische Bundesanwalt Preet Bharara liess verlauten, Ulbrichts Festnahme und sein Schuldspruch sollten eine klare Nachricht an jeden senden, der versucht sei, kriminelle Unternehmen im Internet zu betreiben. Die vermeintliche Anonymität des «Dark Net» sei kein Schutzschild gegen Festnahmen und Anklagen.

Der Triumph der Behörden im Kampf gegen die Drogenkriminalität wird jedoch durch Zweifel an der Qualität der Ermittlungen und der Integrität der Beamten getrübt. So ist unklar, ob die Ermittler die Grenzen der Legalität überschritten, als sie den Server der Website lokalisierten. Ein entsprechender Einwand der Verteidigung, man habe die Privatsphäre des Angeklagten verletzt, wurde vom Gericht zurückgewiesen. Ausserdem sind zwei Beamte, die in die Ermittlungen gegen Ulbricht involviert waren, wegen Korruption im Zusammenhang mit dem Fall «Silk Road» angeklagt.