Iouri Podladtchikov

von Roberta Fischli

Iouri Podladtchikov

Foto: Roberta Fischli

Es ist ein heisser Apriltag, als Iouri Podladtchikov mit zehn Minuten Verspätung um die Ecke schreitet, in hellen Hosen und dunkler Jeansjacke, die langen Haare zurückgebunden, Kamera um die Schulter, Sonnenbrille im Gesicht. Er wird sie erst in der letzten Stunde abnehmen. Vor zwei Monaten hat er in Sotschi mit seinem YOLO-Flip Olympiagold gewonnen, seither beherrscht er die Stadt mit Feiern und Fotografien, er betört und verstört die Bewohner wie ein König, den man umgarnt und beneidet, den jeder verfolgt und doch niemand versteht. Weil er in einer Minute das eine sagt und in der nächsten das Gegenteil beweist. Es gibt tausend Geschichten über Iouri Podladtchikov, über Iouri, den Sportler, den Künstler, den Frauenhelden, den Arroganten, den Sensiblen. Und irgendwie sind alle wahr.

Das Bellevue ist der Knotenpunkt seines neuen Lebens; hier liegen die grossen Medienhäuser, in der Nähe die Universität, das Opernhaus, der Sechseläutenplatz, der See, Erinnerungen an Sommernächte mit Freunden. An einem Sonntagabend im Februar, als sich der Zürcher Olympia-Sieger mit russischen Wurzeln mit einer Freundin im Odeon zum Tee verabredet, beschliesst er, ans Bellevue zu ziehen. Zuhause durchforstet er die Wohnungsportale. Er findet eine Wohnung fünf Minuten vom Sechseläutenplatz, im zweiten Stock. Am Morgen ruft er an für eine Besichtigung. Zwei Tage später unterschreibt er den Vertrag. Wenn er etwas will, geht es schnell beim 25-Jährigen. Aber Podladtchikov ist auch verliebt in den Gedanken der Langfristigkeit, seit dem Sturz in Vancouver vor vier Jahren. Er hatte sich schon für die Universität entschieden, als er umfiel und realisierte, dass er die nächsten vier Jahre für Olympia leben würde. Er sagt: „Wenn ich könnte, würde ich für die nächsten zehn Jahre planen.“

Seine Wohnung ist Lebenswelt, Tanzfläche, Rückzugsort. Podladtchikov ist besessen von der Idee, sich und seine Umgebung ständig zu optimieren. „Ich versuche mein Leben so einzurichten, dass jederzeit alles möglich ist.“ Aber manchmal wird alles zu viel, wie vergangene Woche, nach der Aufzeichnung einer Fernsehsendung, „in diesen Momenten komme ich nach Hause und für einen kurzen Moment wünsche ich mir, ich würde verschwinden.“ Wenn er so erschöpft ist, fehle ihm sogar die Energie zum Entspannen. „Dabei muss ich gar nicht weg. Ich muss ankommen.“ Das Lächeln unter der Sonnenbrille ist leise, fast entschuldigend. Im Herbst beginnt er sein Studium an der Universität Zürich in Kunstgeschichte, Fotografie und Informatik, erzählt er, als wir die Altstadt zur Universität durchqueren. Seine Mutter ist Mathematikerin, der Vater Professor für Geophysik. Als der eine Stelle an der ETH in Zürich antritt, zieht die Familie von Holland in die Schweiz. Zuhause seien Doktoranden ein- und ausgegangen, Sitzungen am Familientisch, „manche sind bis zum Nachtessen geblieben”. Podladtchikovs Fuss wandert die Treppe auf dem Vorplatz der ETH entlang, dort, wo er zusammen mit seinem besten Freund Ruben die ersten Skatertricks geübt hatte. Damals habe er sich zum ersten Mal gefragt, ob er es auch hinkriegen würde, einen Job zu haben, in dem er ganz alleine bestimmen könne. Der Mann, der überlegt und manchmal überlegen wirkt, sagt: „es ist so einfach, Vorschriften zu befolgen.“

Iouri Podladtchikov ist immer bereit, zu reagieren. Vielleicht fällt es ihm auch deshalb so schwer, sich richtig zu entspannen. Entspannung als Belohnung, und umgekehrt, wenn er sich ein neues Ziel setzt, geht es immer auch um die Kompensation. „Es braucht eine Balance zwischen Anstrengung und Ausgleich, sonst riskiere ich, das nächste Vorhaben nicht mit dem gleichen Elan zu verfolgen.“ Er erzählt von einer Einladung auf einen Privat-Katamaran vor den Bahamas letztes Jahr, eigentlich genau sein Geschmack, exquisit und exklusiv. Aber er habe sich noch nie so fehl am Platz gefühlt wie auf diesem Schiff. „Alles, was ich wollte, war, in der Brunau skaten zu gehen.“ Wenn er an Ferien denke, dann denke er an den Letten und seine Jungs, oder daran, zusammen auf der Rentenwiese Fussball zu spielen. Vielleicht auch deshalb das Bellevue, die Nähe zum See, dem Steg, an dem er letzten Sommer ganze Wochen verbracht hat. Der Weitgereiste ist auch ein Heimkehrer. Wir fahren nach Oerlikon, dorthin, wo er aufgewachsen ist. Er zeigt aus dem Tramfenster zum Irchelpark „bis hier ging unser Revier“, den Finger an der Scheibe, ohne sie zu berühren, „bis hier sind Ruben und ich mit dem Skateboard gefahren.“ Wenig später stehen wir vor dem Mehrfamilienbau in der Nähe des Bahnhofs, gewundene Architektur, davor ein verlassener Park mit futuristischer Planung, wie es einige gibt in diesem Stadtteil. Er erinnert sich an einen Turm, von dem man über die Stadt bis zu den Alpen sieht. Es ist später Nachmittag und Oerlikon wirkt wie eine Geisterstadt, nur das Eisen des Turmes quietscht leise unter den Sohlen. Ganz oben, wo eine Handvoll Verliebte ihre Liebe mit einem Schloss einzuschliessen versuchte, sagt Podladtchikov im Takt zum leichten Schwanken des Gebäudes: „Hier hat es mal eine Schiesserei gegeben.“ Und kurz darauf: „Darf ich ein Foto von dir machen?“

Die Fotografie, die zweite Leidenschaft. In seinen Bildern beobachtet Podladtchikov seine Umgebung sorgfältig. Es sind fast immer junge Frauen.„Zürich ist voller kostbarer Orte“, sagt er, die Bahnhofstrasse, das Bellevue, „man spürt, dass hier Grosses passiert.“ Wir fahren zum Sprüngli, ein weiterer Platz seiner Gunst. Als sein Eiscafé im silbernen Glas serviert wird, mustert er die matte Oberfläche bewundernd. Er legt die Sonnenbrille ab, die stahlblauen Augen schwenken wie Scheinwerfer zum silbernen Objekt der Begierde. Podladtchikov ist fasziniert von wertvollen Dingen. Der Stein, den er bei einem Kunsthändler in der Hand gehabt hatte, perfekt geschliffen, kaum bezahlbar. Oder Mona Lisa, das Gemälde, das so wertvoll ist, dass es nicht mehr gekauft werden könnte, „nie mehr, von keiner Familie, keinem Clan, vielleicht einem Staat.“Als wir wieder auf dem Sechseläutenplatz stehen, wo der Boden in der frühen Abendsonne schimmert wie ein Meer aus Marmor, durchquert ein kleiner Junge den Platz auf dem Skateboard, leicht scheppernd, eine imaginäre Linie hinter sich herziehend. Podladtchikov setzt die Kamera an, verfolgt den Jungen durch die Linse und drückt ab. Beim Vorbeifahren scheint ihn der Bub zu erkennen, seine Augen weiten sich, er fährt immer weiter und kehrt nicht zurück. Podladtchikov hängt die Kamera wieder um die Schultern.Er will die Fotostrecken der grossen Magazine erobern, die Titelseiten der besten Hefte. Wenn er sich etwas Neues aussucht, schaut er nach ganz oben, zu den Grossen wie Mario Testino und Victor Demarchelier, und denkt, „krass, der ist so verdammt gut.“ Und dann: „Da will ich auch hin.“ Dass es bisweilen unmöglich erscheinen mag, ändert nichts an seinem Vorhaben. Vielleicht macht es auch den Reiz aus. „Zuerst konzentriere ich mich auf das Ziel, da, wo ich hin will.“ Der gestreckte Arm zeigt auf das Opernhaus, das am Kopf des Platzes thront wie ein Palast. Dann schätze er ab, wie weit er dafür gehen muss. „Und dann“, er lacht und die getönten Gläser reflektieren den funkelnden Boden, „dann beginne ich, zu rennen.“

(Roberta Fischli, Tages-Anzeiger vom 19. April 2014)