Kinderspital Zürich: Druide des Lichts

von Roberta Fischli

Das erste Mal standen wir mit fünfzig Anderen in einer dunklen Kammer, schauten in ein farbig beleuchtetes Fenster und versuchten mit zusammengekniffenen Augen herauszufinden, ob der Raum dahinter drei Zentimeter oder 30 Meter tief ist. Das war an der Art Basel, vor zwei Jahren. Das zweite Mal starrten wir auf der japanischen Insel Naoshima eine halbe Stunde lang fasziniert durch ein «Sky Space»-Rechteck in den Himmel und in eine dunkle Scheune. Diese zwei Erlebnisse reichten, um von James Turrells Lichtspielen angefixt zu werden. Wir wurden gierig nach mehr.

Als wir herausfanden, dass seine Arbeiten auch vor unserer Haustür zu sehen sind, wurden wir hellhörig – nur um gleich wieder enttäuscht zu werden: Die FIFA hat Turrells Arbeit an ihrem Hauptsitz letztes Jahr den Stecker gezogen. Die Lichtinstallation im Bahnhof Zug  ist schon länger auf unserer To-Do-Liste, aber wir haben es bisher nicht da hin geschafft. Vor ein paar Wochen kam ein weiteres Kunstwerk dazu, im Kinderspital Zürich – Weltklassekunst als Heilmethode, sozusagen.

James Turrell ist 74-jährig und einer der bekanntesten zeitgenössischen Künstler überhaupt; auf Fotos sieht er aus wie ein Druide mit sauber getrimmtem Bart. In seiner Arbeit spielt er mit natürlichem und künstlichem Licht, und etwas, das man den Ganzfeld-Effekt nennt: Wer lange genug in ein Farbfeld blickt, kriegt ein überladenes und gleichzeitig unterstimuliertes Hirn – und beginnt Dinge zu erkennen, die gar nicht da sind. Es ist der Zauber von Turrells Werken: Du bist dir nie ganz sicher, wieviel du dir einbildest, und wieviel tatsächlich passiert. Der Künstler wurde einmal auf eine Viertelmillion Dollar verklagt, weil sich eine Museumsbesucherin gegen seine imaginäre Lichtwand lehnen wollte, ins Leere kippte und sich das Handgelenk verstauchte. Es war nicht die einzige Klage.

Mit «My Light» bringt Turrell nun nicht mehr die Betrachter, sondern die Kunst ins Spital. Das Werk ist in einer grauen Baracke hinter dem Kinderspital untergebracht; ein Schild am Haupteingang weist den Weg. Im Innenraum ist es dämmrig, in der Mitte des Raumes eine kurze Bank platziert. Wer sich darauf setzt, blickt direkt in eine eiförmige, farbige Lichtquelle. Die Farben fliessen im Zeitlupentempo von Blau ins Rot ins Gelb. Auf den ersten Blick könnte das Licht an die Wand projiziert sein, aber bei genauerem Hinschauen sind wir uns nicht mehr sicher, ob es tatsächlich flach ist. Wir bleiben fasziniert vor dem orchestrierten Lichtspiel sitzen, als würden wir mit unseren Augen einem Konzert zuhören. Ein Freund sass schon ganze drei Stunden vor dem Licht – Weltrekord für einen freiwilligen Spitalaufenthalt.

Es kommt noch mehr. «My Light» ist erst das Prélude, eine Ansage des Künstlers für das Werk, das noch kommen wird: Turrell wird einen seiner «Sky Spaces» nach Zürich bringen, als Teil des Herzog & de Meuron-Neubaus des Kinderspitals.

KINDERSPITAL ZÜRICH, Steinwiesstrasse 75, 8032 Zürich 

«My Light» ist jeweils sonntags von 13 bis 17 Uhr öffentlich zugänglich

Gern gelesen? Meld dich an!