LangstrassenKultur: Villa Kunterbunt

von Roberta Fischli

Zum ersten Mal an der Langstrasse 113a landeten wir vor gut einem Jahr, als uns ein befreundeter Regisseur an das Konzert einer Zürcher Band schleppte. Wir kannten weder die Band noch den Ort, unser Freund nur die Adresse. Sie gehört zu einem unscheinbaren Haus direkt hinter dem Kino Roland. Von aussen wirkt das stattliche Gebäude wie ein Ort jener Sorte, der aus gutem Grund im Dunklen liegt.

Wer durch die grün gestrichene Tür tritt, vergisst die blinkenden Lichter und die hupenden Autos der Langstrasse sofort. Weinkisten hängen von der Decke, Teppiche sind ausgelegt, auf alten Tischen stehen brennende Kerzen und frische Blumen. Ein Holzofen füllt den Raum mit Wärme und dem Geruch von Lagerfeuer. Der Betreiber Antonio ist anfangs Vierzig, ein Mann von bulliger Statur und wachem Blick, der laut redet und wild gestikuliert. Als wir ihn zum ersten Mal trafen, beäugte er uns kritisch, beim zweiten Mal begrüsste er uns mit Spitznamen. Vor fünf Jahren konnte er die Hausbesitzerin von der Idee eines Kulturraumes überzeugen. Glücklich schätzt er sich bis heute, vorsichtig geblieben ist er auch. Seit der Eröffnung operiert er abseits vom öffentlichen Radar. Je weniger die Immobilienhaie vom Haus an der lukrativen Lage wissen, desto besser.

Jeder interessante Ort in Zürich bedient eine streng definierte Klientel. Im LangstrassenKultur läuft es andersrum. Das Haus soll offen für alle sein, ein Quartiertreff ohne den institutionellen Überbau eines Kosmos oder der inzestuösen Selbstgefälligkeit einer früheren Perla Mode. Deshalb stellt Antonio die Räumlichkeiten mit Vorliebe jenen zur Verfügung, die sonst nirgends unterkommen würden. Die Auswahl der Veranstaltungen reicht von Wood Food-Essen über Flamenco-Tanzabende bis zu Kunst-Tauschbörsen. Wir feierten hier schon Geburtstag mit peruanischen Cocktailfans und lachten Tränen zu englischsprachiger Stand-Up Comedy. Grosse Erwartungen hatten wir nie. Spass eigentlich immer.

Dass das Haus jeden Abend einem anderen Mikrokosmos gehört, ist Teil vom Konzept. Es ist die Villa Kunterbunt der Langstrasse, eine kulturelle Grossbaustelle mit undurchsichtiger Bauleitung, die mit allen Szenen kokettiert und sich von keiner einnehmen lässt. Jeder, der zum ersten Mal in diesem Raum steht, hat mindestens fünf Ideen. Umgesetzt werden die wenigsten. Denn der Chef des Hauses ist zwar aufgeschlossen, aber auch kompromisslos. Wohlfühlen soll sich jeder. Einnisten darf sich niemand.

Dass wir nicht jede Woche an diesem Tresen stehen, hat einen einfachen Grund: Manchmal ist der Laden tagelang nicht geöffnet, manchmal wird das Programm wochenlang nicht aktualisiert. Früher hat uns das gestört, mittlerweile sehen wir es als Statement gegen den Gentrifizierungswahn: Die LangstrassenKultur ist offen für alle. Aber wer sie erleben will, muss sich ihr anpassen. Ein bisschen Haltung darf sein.

LANGSTRASSENKULTUR, Langstrasse 113a, 8004 Zürich

Meistens geöffnet von Mittwoch – Sonntag

 

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