Mehr Feuer, Kommilitonen!

von Roberta Fischli

Vilvredo Pareto entdeckte die minimalistische 80-zu-20-Regel. (Bild: pd)

Vilvredo Pareto (Bild: pd)

Britische Studierende überholen uns in der Vorlesung mit Witz, deutsche mit rhetorischer Präzision. Und wir? Sind jung, gut gebildet – und so satt wie ambitionslos. Höchste Zeit, das zu ändern.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin keine Verfechterin von blindem Ehrgeiz. Aber Ambition, das ist ein schönes Wort. Es impliziert eine Vision, Einschätzungsvermögen, eine Strategie. Der Lethargische sagt: Ich mag nicht. Der Ehrgeizige sagt: Hauptsache, nach vorne. Der Ambitionierte sagt: Wir sehen uns dann im Ziel.

Dass Ambition und Erfolg nicht dasselbe sind, lernte ich mit 21, und es war schmerzvoll. Ich war im vierten Semester, als unser Dozent sagte: «Die Prüfung über die Pflichtlektüre zählt zwanzig Prozent der Gesamtnote.» In Bologna-Sprache heisst das: Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben.

Pareto sei Dank

Abgesehen davon war der Aufwand beträchtlich: Der Pflichtstoff, den wir vor lauter Harvard-Anekdoten unseres Professors nie richtig besprochen hatten, summierte sich locker auf 500 Seiten. Allen war klar: Das lernen wir nicht. «Höchstens die Folien ein bisschen auswendig lernen», lautete der Tenor. Ich dachte anders.

Warum? Ich kann mit halben Sachen nicht viel anfangen. Als wir an der Prüfung sassen, beantwortete ich jede Frage zweifelsfrei. Ich fühlte mich prächtig – bis ich den Leistungsnachweis sah: Das Resultat war knapp genügend. Meine Freunde hatten derweil mit ihrem Minimalaufwand alle passable Noten geschrieben. Die Prüfung war zu einem Test meiner Selbstwahrnehmung geworden, und ich war durchgefallen.

Was ich irgendwann später lernte: Ich hatte nach einem Prinzip gehandelt, das ein Wissenschafter schon lange beobachtet hatte. Vilfredo Pareto (1848–1923) stellte fest, dass 80 Prozent der Ergebnisse mit 20 Prozent des Gesamtaufwands erreicht werden.

Um aber 100 Prozent zu erreichen, braucht es nochmals 80 Prozent der Arbeit. Man nennt dieses Phänomen auch Pareto-Prinzip oder 80-zu-20-Regel, und wenn ich mich so umschaue in den Hörsälen, dann sind diese 20-Prozent-Einsätze überall. Ich höre sie in den Gängen, ich erkenne sie in Input-Aufsätzen, ich begegne ihnen in Gruppen­refe­raten. Und, ehrlich gesagt, ich habe sie so was von satt.

Wozu sprinten, wenn man joggen kann?

Was ist eigentlich mit uns los? Während uns britische Kommilitonen in der Vorlesung mit Witz überholen und deutsche mit rhetorischer Präzision, starren wir angestrengt auf die Tastatur unseres silbernen Laptops und wägen ab, ob unser Input überhaupt der Mühe wert sei. Diese Zurückhaltung hat nichts mit mangelndem Selbstvertrauen zu tun, denn davon haben wir genug.

Unser Problem ist ein anderes: Wir sind schon viel zu lange satt. Klar, könnten wir in der Vorlesung noch aufmerksamer sein, noch kritischer, noch diskussionsfreudiger. Aber wozu sprinten, wenn man joggen kann? Es scheint, als konzentrierte sich ein Grossteil meiner Kommilitonen darauf, 80 Prozent ihrer Zeit ausserhalb des Studiums zu investieren, um sich dann zum Semesterende den Stoff irgendwie noch reinzupeitschen.

Ich hingegen weiss: Druck wirkt leistungssteigernd. Eine hervorragende Seminararbeit schreibt sich nicht in ein paar Stunden. Und die so oft mit dem Studium assoziierten Fähigkeiten, kritisch und vernetzt zu denken, werden nicht automatisch mit dem Bezahlen der Semestergebühren auf das intellektuelle Konto überwiesen.

Höchste Zeit, loszulegen

Ambitioniert zu sein, heisst, eine Haltung zu haben. Wer ein Ziel erreichen will, muss auch dafür einstehen. Vielleicht wollen sich viele von uns genau deshalb nicht festlegen. Wir ersehnen den Erfolg und fürchten das Scheitern. Wir lassen alles offen und vergessen dabei, dass jede gute Option ein Ablaufdatum hat.

Im Fall meiner 20-Prozent-Prüfung erledigte sich die drohende Identitätskrise glücklicherweise, als ich die Prü­fung einsehen konnte. Der Assistent erklärte mir, ich solle meine Antworten in Zukunft nicht mehr an ein Expertengremium richten, sondern an einen Prüfungs­korrektor mit dem Wissensstand eines Erstklässlers. Das klappt seither ganz gut.

Drei Wochen lesen für 20 Prozent? Ich würde es wieder tun. Der amerikanische Schauspieler und Autor Ethan Hawke sagte kürzlich: «Das Leben ist hart mit zwanzig, und es ist hart mit vierzig. Es hört nicht auf.» Höchste Zeit loszulegen.

(Text: Roberta Fischli, NZZ Campus, September 2016)