Das Schaufenster der Online Generation

von Roberta Fischli

Quottom N.5

Alle Fotos: Quottom

Weil Nicolas Walker seine Freunde sichtbar machen wollte, hat er ein Magazin gegründet. Entstanden ist Quottom, das Porträt seiner Generation.

„Die Stadt hat Talent, aber keinen Mut“, das frustrierte Nicolas Walker seit Längerem. Seine Freunde, Grafiker, Illustratoren und Fotografen, alle anfangs zwanzig, arbeiteten in stiller Isolation und warteten darauf, dass die Welt sie entdeckte. „Ich wollte uns eine Plattform schaffen“, antwortet er auf die Frage, weshalb er das Quottom Magazin gründete. Er glaube an die Macht von Ideen, er schwenkt das Plastikglas mit Prosecco und fügt an, „mehr hatte ich anfangs auch nicht zu bieten.“ Es ist Samstagnachmittag, und die Vernissage in der Galerie Perla Mode an der Zürcher Langstrasse hat eben erst begonnen. Die Jungkuratoren Oskar Weiss und Yves Sinka zeigen hier Zeichnungen vom Schweizer Künstler Anton Bruhin. Sinka, der in London studiert, hat neben dem Kuratieren von Ausstellungen auch für das neue Magazin geschrieben und fotografiert.

Wenn Nicolas Walker von einer Idee überzeugt ist, dann wird er besonders überzeugend. Er ist zwanzig Jahre alt und Grafiker in Ausbildung, und sein Kopf arbeitet schnell. Vom Tag, an dem er mit der Maturandin Tanja Luchsinger das Konzept ausgearbeitet hatte, vergingen wenige Tage, bis er den Grafiker Ruben Feurer für seine Idee begeistern und als Partner gewinnen konnte. Jetzt, sechs Monate später, gibt es das Quottom Magazin am Kiosk zu kaufen.

 „Quottom zeigt unseren Blick auf die Welt“, sagt Walker. Der Name sei erfunden, „eine Hülle, die wir mit unseren Gedanken füllen können.“  Auch Philipp Dornbierer und Simeon Muhl, der eine Illustrator und Künstler, der andere Architekturstudent, sind am Projekt beteiligt. Dornbierer, der unter dem Namen Yehteh auch für die New York Times illustriert, ein zurückhaltender Typ mit dunklen Haaren und eckiger Brille, erzählt, er sei von einem ausgebildeten Grafiker für ein Praktikum angefragt worden. „Ich wusste gar nicht, was sagen“, fügt er hoch erfreut und leicht irritiert an, „die Zeichnungen mach ich ja immer zuhause.“

Quottom N. 5

Quottom N. 5

Junge und kreative Leute finden in Zürich rasch Gleichgesinnte. Sie lernen sich an Partys kennen, an Vorkursen der Gestalterischen Hochschule, bei der Gestaltung von Flyern, an Vernissagen. Beruf und Freizeit vermischen und überschneiden sich, man arbeitet mit und für Freunde. Die sozialen Medien, allen voran Facebook, dienen als wichtigstes Kommunikationsmittel. Waren es noch vor zwölf Monaten meist Fotos und Kommentare, die darauf publiziert wurden, dient die Plattform heute als Netzwerkmaschine und Veranstaltungskalender. Nirgends sonst kann der Bekanntenkreis so schnell erreicht und erweitert werden, dazu noch gratis, und so werden die übersichtlichen Distanzen, die Zürich kennzeichnen, gerade von den Jungen mühelos überbrückt.

 Walker und Feurer hatten als Kollektiv visuelle Effekte für Clubs produziert, und konnten dank ihrer Arbeit auf ein breites Kontaktnetz zurückgreifen. Zum Beispiel auf Evan Ruetsch, der neben seinem Studium an der Zürcher Hochschule der Künste auch für das VICE Magazin fotografiert. Wie alle hat er gratis gearbeitet, „das macht man so für Freunde“, er hebt die Augenbrauen, erstaunt über die Frage. Ähnliche Worte findet Walter Pfeiffer, 57, einer der wenigen Ausreisser unter den Jahrgängen. Der Schweizer Künstler, dessen Bilder bei Vogue und i-D erscheinen, hat für Quottom fünf Jugendliche auf einer vierzehnseitigen Fotostrecke inszeniert. „Ihr Elan erinnert mich an meine eigene Jugend, da helfe ich gerne“, begründet er seine unentgeltliche Arbeit. „Wer jung ist, soll machen statt diskutieren.“ Pfeiffers Verhältnis zu den Jungen ist aussergewöhnlich. Sein neugieriger Blick und seine erotisch-verspielten Bilder machen ihn zu ihrem bevorzugten Dokumentalist. Und was sieht er? „Die Jungen sind heute schneller, sie wissen mehr, kommen mit ein paar Klicks an alle Informationen heran.“ Aber die grossen Themen, Versagen und Hass, Leidenschaft und Ehrgeiz, seien dieselben geblieben.

Weil die Gründer Walker und Feurer mit ihrem Magazin künstlerische Freiheit bieten wollten, entschieden sich für einen Umfang von zweihundertfünfzig Seiten. Auf die Frage, wieso man im Online-Zeitalter in Print investiert, antworten sie rasch. „Wir wollen etwas schaffen, das bleibt.“ Ihre Idee stiess rundum auf Begeisterung, und in kurzer Zeit hatten sich Schreiber, Illustratoren und Fotografen gefunden. Nachdem sie einen Plan für die Kosten eines halbjährlich erscheinenden Magazins aufgestellt hatten, 15‘000 Franken, präsentierten sie ihr Projekt auf der Schweizer Crowdfunding Plattform wemakeit. So fanden sich die nötigen finanziellen Mittel.

Quottom N. 5

Quottom N. 5

Während sechs Monaten koordinierten Walker, Feurer und Luchsinger über vierzig freie Mitarbeiter. Sie sparten überall, an Redaktionsräumen, an Honoraren, nur nicht am Produkt. Es ist auf teurem Papier gedruckt, glänzt mit grosszügigen Fotostrecken, und weist ein sorgfältiges Layout auf. Die Texte unterscheiden sich im Anspruch und der Qualität, einige gleichen zusammengefügten Gedankenfetzen, andere sind sorgfältig geschriebene Essays. Sie zeigen Verletzlichkeit und Skeptizismus gegenüber einer Gesellschaft, als deren Teil sich sie sich dennoch begreifen. Das ganze Heft ist inspiriert am Dachthema der Ausgabe, Angst und Sehnsucht. Walker: „Wir wollen Gedanken so ausdrücken, wie sie empfunden werden.“ Diese Sprachrohrfunktion wurde durchgesetzt, und obwohl Luchsinger als Redaktionsleiterin Rückmeldungen auf die Texte gab, habe man den Schreibern einen relativ grossen Freiraum gelassen.

Quottom wirft Licht auf eine Jugend, die ihre Bühne in die sozialen Medien verlegt hat und der Öffentlichkeit dadurch abhandenkam. Die auftaucht, selektiv, wie im Februar, an der Lancierung  des Magazins im Schiffbau, wo Freunde von Freunden eingeladen waren und tausend kamen. Es zeichnet das Bild einer Generation, die ihre Umgebung differenziert betrachtet und sich damit selbst fesselt. Das Magazin ist Dokumentation und Nabelschau, es schildert und spiegelt.  In einer Zeit, wo Alte am liebsten jung wären und Junge schnell erwachsen, wo die Werbung verspricht und das Internet antwortet, ist alles vermischt, alles konfus. Aber es gibt sie, die Verhaltensweisen, die Zeichen, die typisch sind für diese Zeit und dieses Alter, und die so alltäglich sind, dass manche erst gedruckt sichtbar werden. Gülsha Adijli  offenbart in ihrem Text, dass Energydrinks heute genauso in den Alltag gehören wie die Foto-App Instagram vor dem Frühstück, und Student Laszlo Schneider schreibt, dass er Angst hat vor der Zukunft und dass nicht zu wissen, was man werden will, auch mit zwanzig mehr schlecht als recht ist. Mit ihrem Magazin machen Walker und Feurer eine Identität sichtbar. Und so wird Quottom zum Beweis dafür, dass es sie noch gibt, die normalen Jungen, die zweifeln und träumen, und die ihre Gefühle nicht wegkaufen können und das auch gar nicht wollen.

(Roberta Fischli, Tages-Anzeiger vom 27. März 2013)