Töpfern: Das neue Yoga

von Roberta Fischli

Das Allerwichtigste ist, das Zentrum zu finden. Wer das nicht schafft, schafft gar nichts. Wir treten langsam den Fuss hinunter, die Scheibe beginnt sich zu drehen. Unsere feuchten Finger fahren durch den grauen Lehm. Es wobbelt und wabbelt, und die Fliehkraft verzerrt die runde Schale zu etwas, das aussieht wie der misslungene Modellentwurf eines geschwungenen Zaha Hadid-Gebäudes. Wir haben das Zentrum nicht gefunden.

Fairerweise muss man sagen: Niemand findet das Zentrum im ersten Anlauf. Es ist die erste grosse Hürde des Töpferns, der Knackpunkt, an dem sich entscheidet, ob es beim Schnupperbesuch bleibt oder mit dem eigenen Atelier endet. Unsere Freundin hat uns beinahe genötigt, bei ihr im Atelier vorbei zu schauen und das Töpfern auch zu versuchen. Wir sind die einzigen im Raum, die es noch nie ausprobiert haben.

Es ist gut eineinhalb Jahre her, als die Ersten in unserem Umfeld einen Töpferkurs besuchten. Die meisten taten es heimlich, Töpfern war wie lange Unterhosen oder «Keeping up with the Kardashians»: Niemand wollte sich öffentlich als Fan bekennen. Es galt als bieder, die Anhänger als irritierend esoterisch, Carmen d’Apollonios Arbeiten waren noch nicht Teil des Céline-Interieurs. Aber allen gefielen die teuren Linck-Vasen und einige hofften insgeheim, sie vielleicht selber auf der Drehscheibe nachformen zu können.

Ein Jahr vorgespult, und alle töpfern: Die Grafikerinnen, die Mädels von der Versicherung, die Biologinnen. Es ist das neue Yoga. Und wie beim Yoga sind fast alle Frauen. Früher mussten wir uns einlesen, um beim Fachsimpeln über Hatha oder Kundalini mithalten zu können, jetzt drehen sich die Diskussionen in der Kaffeepause um Glasuren und die Öffnungszeiten vom Keramikbedarf Michel. Statt die Ausbildung zur Yogalehrerin zu machen oder Fotos für den eigenen Foodblog zu schiessen, werden Keller ausgemessen und Keramiköfen installiert.

Was mit dem ganzen Lehm-Output geschehen soll, daran haben die wenigsten gedacht. Mittlerweile stapeln sich Vasen und Töpfe bei vielen bis unter die Decke, und keiner weiss, wohin damit. Wir kriegen je länger je öfter Einladungen für Töpfer-Verkäufe.

Für uns bleibt es vorerst beim einmaligen Versuch. Wir kneten unsere verformte Schale zurück in den grossen Klumpen und drücken ihn unserer Freundin in die Hand. Das Ding ist zwar hässlich, aber es zu entsorgen schmerzt trotzdem ein bisschen. Es war eben auch unser eigenes Werk.

MIGROS KLUBSCHULE, Hofwiesenstrasse 350, 8050 Zürich

Di 18.30 – 21.20; 480 Franken für 30 Lektionen.

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