Wir Kinder von Mayfair

von Roberta Fischli

Sie treffen sich bei Felix im 37. Stock des Cromwell Tower, London City, wie jeden Samstagabend. Sophie und Amy sitzen bereits auf den Sofas, Flora ist seit vierzig Minuten im Bad, Jessica macht sich die Haare. Es ist 18 Uhr, Zeit für den ersten Chardonnay. Aus den Lautsprechern klingt Donizettis Lucia die Lammermoor, als Max endlich aufkreuzt: offenes weisses Hemd, enge Jeans, als komme er gerade von einem Frühlingsspaziergang an der Cote d’Azur. Er küsst die Mädchen auf den Mund, schnappt sich ein Glas Wein, geht auf den Balkon: „Ich liebe es, meine erste Zigarette hier zu rauchen“, sagt er und blickt auf ein Meer aus Lichtern. London, diese aufregende, auslaugende, elegante, beinharte Siebenmillionen-Metropole, liegt ihm zu Füssen.

Sophie, Amy, Flora, Jessica, Felix und Max. Alle um die zwanzig, alle seit Jahren befreundet, seit sie sich als junge Teenager in den spärlich beheizten Esssälen der Westminster-School begegnet sind. Der Philosoph John Locke lernte hier schon rechnen und schreiben, später Henry Purcell, auch Peter Ustinov und die Sängerin Dido. Westminster ist neben Eton die bekannteste und teuerste Privatschule Englands. Wer hier reinkommt, kommt hoch hinaus.

„Ihr seid die Zukunft Grossbritanniens“. So habe man sie in Westminster begrüsst, sagt Amy – und so begrüsste man sie auch in Oxford, wo bis auf Sophie alle studieren. Die Zweiklassengesellschaft erlebt eine Renaissance, man trägt wieder schwarz statt abgeschnitten, Cool Britannia gehört vielleicht noch ins letzte Jahr, aber bestimmt nicht mehr in dieses.

Bevor sie ausgehen, kochen sie Pasta, wie sie es aus ihren Toscana-Reisen kennen, trinken Sangiovese aus dickbauchigen Weingläsern – kein Bier -, essen französischen Käse dazu, keine Chips. Das Wort „herumhängen“, das man von Jugendlichen in der Schweiz so oft hört, existiert in ihrem Wortschatz nicht. Sie alle sprechen fliessend italienisch oder französisch, haben in den Sommerferien bei Sotheby’s gejobbt, in PR-Agenturen oder Privatbanken Erfahrung gesammelt. Sie sind weder tätowiert, noch gepierct, tragen Turnschuhe nur, wenn sie im Regents Park joggen gehen – dafür skypen sie mit ihren Freunden in Mumbai, lesen den „Corriere de la Sera“ und die „Times“ auf ihren Smartphones, der „Guardian“, sagt Max und er klingt wie ein älterer Adliger aus einem Jane-Austin-Roman, habe „zu viele Schreibfehler“, die politische Haltung, Mitte links, sei ausserdem „terribly boring“.

Sophie, Amy, Flora, Jessica, Felix und Max, das sind die Kinder der Globalisierung, young achievers, sie kennen keine Umwege.

„Wir sind nicht verwöhnt, keine Snobs, auch wenn das Leute von uns denken“, sagt Max, „nur dumme Menschen sind arrogant.“ Das klang grad ziemlich so, sagt Sophie und grinst. „Wir haben gelernt, zu allem unsere Meinung zu äussern – und das tun wir auch“, sagt Sophie.

„Manchmal halte ich uns schon für materialistisch“, sagt Flora, die keine Designer-Kleider mehr trägt, nur noch Vintage, seit sie aus Nepal zurückgekommen ist, wo sie Englisch unterrichtete. Amy korrigiert sie:„Wir wurden so erzogen, und wir werden später einmal wichtige Positionen einnehmen, was ist daran falsch?“

Es ist neun Uhr. Ein letzter Frisurencheck. Jessica zieht sich ihren taillierten Blazer von The Kooples an, in deren Kleider alle aussehen wie Kate Moss, elegant und doch kaputt. Mit dem Lift geht es 120 Meter nach unten auf die Strasse, es ist kalt, es windet: Zigaretten kaufen, Taxis anhalten, ab ins „Sketch“, nach Mayfair, Westend, wohin sonst?

Die Bar mit den schweren Leuchtern und dem futuristischen Innendesign liegt mitten in Londons Edelquartier. Im angrenzenden Restaurant dinieren ältere Männer in karierten Hemden mit auffallend jüngeren Frauen. „Nie würde ich in South Kensington ausgehen“, schreit Sophie über ihren Martini hinweg. „South Ken“ sei alt, verstaubt, und dazu voller Neureicher. „Sloanies“ nenne man die, benannt nach dem Sloane Square, wo die Saatchi-Gallerie steht: „Dort trifft man nur Snobs, Fussballerfrauen und kommende Prinzessinnen.“ Kate Middleton sei oft im Boujis und Flora verzieht ihr Gesicht.

„In London wirst du pausenlos gemustert“, sagt Max, die Kleider, die Frisur, der Name, Wohnort, „alles Codes“, wonach man Menschen kategorisiere. Westminster-Schüler erkenne man an der eloquenten Art zu reden, sagt er, an den langen Wörtern und natürlich am Wohlstand der Eltern, „wobei es seit der Finanzkrise plötzlich als uncool gilt, reich zu sein“. Die Neuen hätten ein Flair für die Extreme, erklärt Max, „entweder halten sie dir das Geld unter die Nase“, er schüttelt den Kopf, „oder verstecken es hinter dem Rücken.“ Immer mehr Westminster-Schüler würden in „abgefuckten Gangster-Kleidern rumlaufen“ und so tun, als seien ihre Eltern Burger-King-Verkäufer. Er frage sich oft, was mit dem britischen Understatement geschehen sei, und, „abgeschnittene Hosen, das ist doch lächerlich.“

Als die Bar immer voller wird, bestellen sie die Rechnung. Wieder raus in die kalte Nacht, Zigaretten anzünden, Taxis herbei pfeifen, als seien es Pferdekutschen, Mobiltelefone nach Meldungen überprüfen: Sophies Freund hat einen Tisch im Madoxx bestellt, es läuft alles nach Plan.

„Mein zukünftiger Ehemann muss gebildet sein und aus einer guten Familie stammen“, sagt Amy, „ich will fünf Kinder mit ihm.“

„Bohemiens sehen zwar gut aus, aber heiraten würde ich einen Künstler nie“, sagt Sophie.

„Ich habe noch nie einen Mann in einem Club kennengelernt, ich weiss nicht“, sagt Jessica, „das hat irgendwie kein Niveau.“

Vor dem Club stehen drei Türsteher, so breit und humorlos wie Lastwagen. Nirgends zeigt sich die Klassengesellschaft so hart und deutlich wie vor den Nobelclubs in Mayfair kurz vor Mitternacht. Rein kommt nur, wer gut aussieht, berühmt ist, oder auf der Liste steht. Sophie, Amy, Flora, Jessica, Felix und Max steigen die spiegelverzierte Treppe hinunter an ihren Platz, bestellen Wodka, die Glitzersteine auf Amys Schuhen blitzen im Stroboskop, Männer in Anzügen blicken von Nachbarstischen auf Flora und Sophie, die auf den Sitzpolstern stehen und sich zur Musik bewegen. Irgendwann ist die Wodka-Flasche leer und es kommt eine neue und alle küssen sich und tanzen, als würden sie kopulieren.

„Work hard – play hard“, sagt Felix, lacht, „bei Max klingt das irgendwie besser“. Sie geben immer alles, im Beruf, in der Freizeit, auch heute Abend.

„Das Allerschlimmste“, schreit Max, weil die Musik so laut ist, dass man sich kaum versteht, „das Allerschlimmste ist, durchschnittlich zu sein.“

Sophie, Amy, Flora, Jessica, Felix und Max. Stunden später treten sie aus dem Club in die schwarze Nacht. Zum ersten Mal an diesem Abend stehen sie einfach so da, ohne Plan, ohne Hast. Die Mädchen haben sich ihre Schuhe mit den hohen Absätzen ausgezogen und stehen in Strümpfen auf dem kalten Boden. Max zieht sich den Lammfellmantel zu, Felix friert. Die Zukunft des Landes ist müde. Sophie winkt die Taxis heran, Max hält den Frauen die Türe auf, Flora fährt ihm durch die Haare und schmunzelt, „es gibt Dinge, die vergisst du nie“.

 

Roberta Fischli, Sacha Batthyany, Das Magazin et. Cetera vom April 2011