Zeitmanagement: Fatal Optional

von Roberta Fischli

Die Sache war klar. Zumindest für uns. Es war Freitagabend, die Tickets fürs Kino waren gekauft, wir warteten auf den Letzten der Gruppe. Erst war er spät dran, dann verspätet, dann zu spät. Die Vorstellung war vorbei, als er sich entschuldigte mit der Begründung, er hätte nicht gewusst, dass die Zusage verbindlich war. Wir waren stinksauer. Es ging schon lange nicht mehr um den Typen, der zusagt und dann doch nicht kommt. Wir hatten eine viel fatalere Erkenntnis: Das hätten auch wir sein können.

Früher gehörten wir zu jenen, die pünktlich zum Festbeginn mit einer Flasche Wein anklopfen. Bis wir merkten, dass wir fast die einzigen sind mit diesen Anstandsregeln. Also begannen wir, uns anzupassen. Erst waren es die Hauspartys. Unpersönliche Feste, wo es keinen stört, wenn man doch nicht auftaucht. Dann kamen die Klassentreffen dazu. Mittlerweile weisen wir jede verbindliche Einladung so konsequent von uns, als würden wir mit dem freien Abend auch gleich uns selber aufgeben. Nicht mal mehr die Geburtstage der besten Freunde sind heilig.

Wenn jemand unsere Unverbindlichkeit kritisiert, entgegnen wir, spontane Menschen seien die interessanteren Zeitgenossen. Weil sie das Leben nicht so ernst nehmen. Weil sie Raum lassen für Dinge, die unerwartet passieren. Was für ein Schwachsinn. Wir nehmen nichts so ernst wie uns selbst. Wir ruinieren jede Geburtstagsplanung, jedes Abendessen, jede Festrede. Weil wir uns nicht festlegen wollen, und so alle anderen zwingen, es auch nicht zu tun. Dabei tun wir uns selber keinen Gefallen. Statt an sorgfältige Gartenpartys werden wir nur noch in gemietete Bar-Ecken mit offenem Zeitfenster eingeladen. Anfangs freuten sich alle über unsere Überraschungsauftritte. Mittlerweile spielt unsere Anwesenheit gar keine Rolle mehr.

Seit wir das verstanden haben, wollen wir uns ändern. Wirklich. Die Übersicht im Kalender würde auch bestens in unser Konzept der puristischen Lebensweise passen. Es wird nicht einfach. Der Kinofreund hat uns zwei Tage später an sein Geburtstagsfest eingeladen. Geantwortet haben wir nicht. Es ist einfach noch zu früh.

rf.

 

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