Zentrale für Gutes: Die Eiskönigin

von Roberta Fischli

 

Unsere jährliche Suche nach einer Lieblingsgelateria war bis anhin so aussichtsreich wie die nach einer Sommerliebe. Jedes Jahr dachten wir, die Auswahl an Traumkandidaten sei riesig. Dann schauten wir ein bisschen genauer hin, und schon war der anfängliche Zauber verflogen: Zu rasch geschmolzen, zu anspruchslos im Geschmack, zu viele Zusatzstoffe. Ein Trauerspiel.

Es ist ja nicht so, als gäben wir keinem eine Chance. Wir probierten es mit dem Meervogel am Bellevue, mit Leonardo im Sihlcity, mit Daniel bei der Chinawiese. Keiner konnte sich halten. Mit dem ersten wurde es auf die Dauer zu teuer, beim zweiten stimmte die Chemie nicht, beim dritten war die Distanz zu gross. Dann kam der Berner an den Brupbacherplatz, und sein Marzipan-Mohn Parfüm machte uns wahnsinnig. Die Länge der Schlange aber leider auch. Wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben, als uns ein Freund eine Nachricht schrieb: «Eisvogel, Ottostrasse, give it a try.»

Tine Giacobbo’s Gelateria hinter der Josefwiese öffnete erst vor zwei Monaten, aber sie selbst ist ein Gastro-Urgestein. Über zwanzig Jahre lang hatte die grauhaarige Frau mit dem wilden Blick und dem schroffen Charme zusammen mit Katharina Sinniger das Restaurant Alpenrose geführt, zwei Kochbücher geschrieben, Suppen fürs Limmatlädeli gekocht und unter dem Namen Eisvogel Glace im Kübeli produziert. Die eigene Gelateria blieb immer ein Traum. Dann kam der Ruhestand, und mit ihm die Langweile. Tine fand das Ecklokal an der Ottostrasse und begann, im Hinterzimmer Glace zu produzieren, die sie nun über die Theke verkauft. Von Werbung hält sie nicht viel, von unnötigem Geschwafel noch weniger. Dass sie die Himbeeren aus dem Thurgau holt und die Aprikosen vom Markt, erfuhren wir in einem Nebensatz. Dass die Cornets von der Stiftung Züriwerk sind, auch.

Auf einer Schiefertafel steht das Tagesangebot geschrieben. Bei unserem Besuch waren es Erdbeere, Aprikose, Himbeere, Stracciatella, Kaffee und Schoggisorbet. Preis pro Kugel: 3.80 Franken. Wir bestellten Aprikose und Schokolade. Tine tauchte den Glacelöffel mit routinierter Bewegung in die kalte Masse und schaufelte eine perfekt geformte, grosse Kugel aus dem Behälter. Wir liessen die Eiskristalle über unsere Zunge gleiten, und ein süss-säuerlicher Aprikosengeschmack jagte uns ein wohliges Schaudern durch den Körper, bevor die Schokolade unsere Geschmacksnerven bezirzte. Leider war das Techtelmechtel schnell vorbei. Was blieb, war ein kühles Magengefühl. Und die Erkenntnis: Eisprinzen kitzeln vielleicht unsere Geschmacksnerven. Aber Herzen zum Schmelzen bringen – das kann nur eine Frau.

 

ZENTRALE FÜR GUTES, Ottostrasse 15, 8005 Zürich
Di bis So, 13 – 19

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